Der Notfall

Falsch und übertrieben wäre es zu behaupten, Sie seien als Kehlkopfoperierter in besonderer Weise gefährdet. Nun, Sie müssen ohne Kehlkopf leben, und Sie haben eine andere Atmung bekommen, auf den ersten Blick ein Zustand mit besonderen Risiken. 

Vorausgesetzt, Sie halten sich konsequent und streng an die Maßnahmen der besonderen Pflege und Versorgung von Tracheostoma und den unteren Luftwegen, so ist die Notfall-Gefahr für Sie nicht kleiner und nicht größer als für andere Menschen. Dies gilt umso mehr, wie Sie es auch noch lernen oder schon gelernt haben, frühzeitig auf Veränderungen und Gefahren (starke Verborkungen und Entzündungen an Stoma und Luftröhre, Luftnot usw.) aufmerksam zu werden und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen (Arzt oder Klinik aufsuchen, Kanülenreinigung, Abhusten etc.).

Trotz aller wachsamen Selbstbeobachtungen und trotz Einhaltung aller gebotenen Vorsichts- und Verhaltensmaßregeln kann dennoch einmal ein sogenannter Notfall bei Ihnen auftreten.

Es machte absolut keinen Sinn, und es würde auch dem Ziel einer schnellen und sinnvollen Hilfe im Notfall zuwiderlaufen, würden wir Sie an dieser Stelle mit langen Erklärungen und Erläuterungen heimsuchen. Im wirklichen Notfall können Sie oder Ihre Angehörigen unmöglich erst diesen Leitfaden heraussuchen, um nachzulesen, was in welcher Reihenfolge zu tun ist.

Das Absolutgebot im Notfall lautet:

handeln (und nicht erst lesen und studieren).

So wollen wir Sie auch im folgenden nur ganz streng und systematisch über mögliche Notfallsituationen und Gegenmaßnahmen informieren.

Möchten Sie noch mehr allgemeine und spezielle Informationen zur Ersten Hilfe erhalten, so steht Ihnen dazu genügend weiterführende Literatur in den Buchhandlungen und bei den Rettungs- und Notdiensten zur Verfügung.

Vorweg noch eine Bemerkung:

Ein wichtiges Ziel ist es, jede erdenkliche Lücke in der Notfall-Bewältigung zu schließen. Aus diesem Grunde bieten Fachhändler Servicematerial in unterschiedlichen Formen an, z. B. Notfallaufkleber für Halsatmer, Notfallausweis, Notfallsticker. In einer Notsituation erfährt damit die Hilfsperson sofort und ohne Verzug, dass es sich bei Ihnen um eine Person mit Tracheostoma handelt. Entsprechend sicher und gezielt können die Hilfsmaßnahmen eingeleitet werden.

Sie sollten diese Dokumente für den Notfall stets griffbereit und für Dritte erkennbar mit sich führen, insbesondere dann, wenn Sie Wohnung oder Haus verlassen.

Der Notfall stellt Anforderungen:

1. An Sie selbst
2. An Ihre Angehörigen und Mitmenschen

In Notfallsituationen können Sie selbst keine ausreichende Beatmung mehr als Erste-Hilfe-Maßnahme bei einem Gleichbetroffenen leisten. Dennoch können Sie als Tracheotomierter andere Rettungsmaßnahmen durchführen. Hierzu gehört z.B. die Durchführung einer Herzmassage, die für eine positive Reanimation von entscheidender Bedeutung ist.

DER NOTFALL UND SIE SELBST

Vorbeugung

Sobald Sie das Haus verlassen, sollten Sie folgende Hilfsmittel bei sich tragen:

1. Notfalldokumente, z. B. Notfallausweis
2. Signalrufgerät
3. Notfall-Beatmungsmaske/-Beatmungstrichter
4. Hilfreich ist auch der Notfallaufkleber „Ich bin Halsatmer – und atme nicht durch Mund und Nase“, den Sie z. B. an der Windschutzscheibe Ihres Kraftfahrzeugs anbringen können.

In Ihrer Wohnung sollten Sie am Telefon, für Sie und alle anderen jederzeit sofort und deutlich sichtbar, die Telefonnummer des Rettungsdienstes angebracht haben (in der Regel die Nummer 112)!

DROHENDE NOT

Spüren Sie aufkommende Übelkeit, Schwarzwerden vor den Augen, Zeichen von Schwindel- oder Ohnmachtsgefühl, Herzjagen oder -rasen, sofort:

1. Signalrufgerät bedienen und Notruf - Rettungsdienst verständigen!
2. Flach auf das Bett oder den Boden legen
3. Beine hochlagern (z.B. auf. Bett-/Stuhlkante od. hoch gegen die Wand)
4. Ggf. zur freieren Atmung Innenkanüle entfernen (und zwar nur die Innenkanüle)
5. Den Kopf gerade und soweit wie möglich, im Nacken nach hinten gebeugt halten
6. Ruhe bewahren

DER NOTFALL UND IHRE ANGEHÖRIGEN

Folgende Notfallsituationen sind für alle Angehörigen immer Anlass zu sofortiger Hilfsaktion:

1. Der Schock
2. Die Atemstörung
3. Der Atemstillstand
4. Der Kreislaufstillstand

DER SCHOCK

Symptome:

1. Aschfahles Gesicht – blasse, kalte Haut
2. Kalter Schweiß
3. Unruhe, Angst, Verwirrtheit
4. Rasender, ’dünner’, schwer zu tastender Puls
5. Flache Atmung

Sofortmaßnahmen:

1. Notruf – Rettungsdienst verständigen!
2. Schocklagern: Beine hochlegen (s.o)
3. Mit einer Decke vor Unterkühlung schützen
4. Kopf gerade und nach hinten, Atmung freihalten
5. Beruhigend und aufmunternd sprechen, Angst nehmen
6. Wenn möglich, Sauerstoffzufuhr

Den Patienten in dieser Situation möglichst nicht mehr allein lassen!!

DIE ATEMSTÖRUNG

Symptome:

1. Stark „ziehende“, geräuschvolle Atmung
2. Kurze, oberflächliche, rasche Atemzüge
3. Blaue Lippen und/oder Fingerspitzen
4. Panik, Angst, Unruhe
5. Einsetzen der Atemhilfsmuskulatur (deutliches Heben und Senken der Schultern)

Sofortmaßnahmen:

1. Notruf – Rettungsdienst verständigen!
2. Kopf so weit wie möglich nach hinten in den Nacken beugen
3. Falls kein Kanülenträger: Tracheostoma äußerlich säubern.
4. Bei Kanülenträgern: Kanüle belassen, aber säubern. Wenn nötig, nur Innenkanüle entfernen (Entfernen Sie die Innen- und Außenkanüle, besteht die Gefahr, dass das Stoma in sich zusammenfällt – Erstickungsgefahr!)
5. Atmungserleichterung durch vorsichtiges Aufrichten in Sitzstellung
6. Notfalls Unterstützung der Atmung (‚Mund-zu-Tracheostoma’ oder mit ‚Notfall-Beatmungsmaske’/’Beatmungstrichter’) in der Atemfolge des Hilfsbedürftigen.

DER ATEMSTILLSTAND

Symptome:

1. Keine Atmung, keine Bewegung des Brustkorbs und Bauchraums, keine Luftbewegung aus dem Tracheostoma (nicht hör- und fühlbar)
2. Blauverfärbung der Haut
3. Bewusstlosigkeit – keine Reaktion auf Ansprache, keine Reaktion auf Rütteln an den Schultern.

Sofortmaßnahmen:

1. Notruf – Rettungsdienst verständigen!
2. Rückenlage
3. Hals und Brustkorb freilegen
4. Kopf vorsichtig, so weit es geht, im Nacken überstrecken
5. Tracheostoma um die Kanüle herum reinigen.
6. Innenkanüle (und n u r diese) entfernen – Außenkanüle unbedingt im Stoma lassen!
7. Mit dem Beatmungstrichter oder auch direkt per Mund die Durchgängigkeit der Kanüle testen.
8. „Mund-zu-Stoma“ Atemspende beginnen (Bild 1); u. U. mit Notfall-Beatmungsmaske oder Beatmungstrichter (Bild 2 + 2a).

Eine Mund-zu-Mund Beatmung ist bei laryngektomierten Patienten unmöglich!

9. Mit Herz-Kreislauf-Wiederbelebung
(s. S. 71 im Leitfaden für Kehlkopflose) beginnen!

DER KREISLAUFSTILLSTAND

Symptome:

1. Atemstillstand
2. Keine Atemgeräusche
3. Kein Puls vorhanden (Halsschlagader)
4. Bewusstlosigkeit – nicht ansprechbar
5. Weite Pupillen
6. Aschfahl, weiß-bläuliche Haut

Sofortmaßnahmen:

1. Notruf – Rettungsdienst verständigen!
2. Patient auf einer möglichst harten Unterlage in Rückenlage bringen.
3. Hals und Oberkörper freilegen, Hals behutsam in den Nacken beugen.
4. Herzdruckmassage:

Helfer kniet dicht in Schulterhöhe am Körper des Patienten. Er legt den Handballen einer Hand auf die Mitte des Brustkorbs und zwar hier auf das untere Drittel des Brustbeins des Patienten. Dann setzt er den Handballen der freien Hand auf den Handrücken der ersten Hand auf.

Nun stellt er seine Schultern senkrecht über das Brustbein des Patienten und drückt dann seine Ellenbogen zum Brustbein des Patienten hin durch. Das Brustbein nun auf diese Weise 30 Mal 4 – 5 cm tief eindrücken. Nach jeder Kompression das Brustbein wieder völlig entlasten.


Nach jeweils 30 Herzdruckmassagen erfolgen 2 Atemspenden (über das Tracheostoma: entweder ‚Mund-zu-Tracheostoma’ oder mit Beatmungstrichter bzw. Beatmungsmaske). Die Wiederbelebungsmaßnahmen werden konsequent und so lange durchgeführt bis der Rettungsdienst vor Ort ist und übernimmt, es sei denn, es werden vorher schon Lebenszeichen erkannt (Herztätigkeit (Pulskontrolle) und eigenständige Atmung haben wieder eingesetzt).

Diese Regeln gelten für alle Erwachsenen. Stehen mehrere Helfer zur Verfügung, so können die o. g. Maßnahmen aufgeteilt werden.