Das Schreiben ist für mich absolute Entspannung.

Das Schreiben ist für mich absolute Entspannung
Interview mit Annegret Neufang/Iserlohn

Im August 2011 wurde bei Annegret Neufang (68 Jahre) Kehlkopfkrebs festgestellt. Kurz darauf wurde der Kehlkopf entfernt. Unser Außendienstmitarbeiter Avdyl Sadriu, der sie schon viele Jahre persönlich betreut, traf sich mit Anne – wie er sie nennt – zu Kaffee und Kuchen und erhielt einen Einblick in ihren Alltag und wie sie diesem von Zeit zu Zeit entfliehen kann.

A.Sadriu: Anne, kannst Du mir kurz schildern wie Du vor der Diagnose Kehlkopfkrebs gelebt hast und was sich nach der OP für Dich geändert hat?
A.Neufang: Meine erste Ausbildung habe ich als Krankenschwester gemacht. Nach einigen Jahren bin ich dann in die Altenpflege gewechselt. Ich war beruflich sehr eingespannt und hatte neben meinen drei Kindern dadurch immer viel um die Ohren. Durch meinen Mann war mir Kehlkopfkrebs schon ein Begriff, da auch er laryngektomiert ist. Doch es ist natürlich immer noch was ganz Anderes, wenn man dann selbst betroffen ist. Am schlimmsten war es, nicht mehr sprechen zu können, denn ich rede sehr gerne und sehr viel (lacht).

A.Sadriu: Wie schnell hast Du nach der OP wieder sprechen können und in welche Richtung hast Du mit der Stimmrehabilitation gestartet?
A.Neufang: Direkt bei der OP hat man mir eine Stimmprothese eingesetzt. Leider hatte ich von Beginn an und zunehmend öfter Probleme damit. Es gab Situationen, da konnte ich über Wochen nicht sprechen. Glücklicherweise habe ich schon 4 Monate nach der OP die Ruktusstimme erlernt. Das ist dann immer meine Alternative. Momentan klappt das aber auch nicht richtig gut.

A.Sadriu: Was hilft Dir in dieser Zeit besonders um einmal den Kopf frei zu bekommen?
A.Neufang: Schon vor der OP habe ich das Schreiben für mich entdeckt. Ich muss sagen, dass das für mich wie eine Entspannungskur wirkt. Die Geschichten und Bilder sind alle schon in meinem Kopf, ich muss diese nur noch zu Papier bringen. Da ich alles per Hand aufschreibe, hat das schon zu einigen Sehnenscheidenentzündungen geführt (lacht). Nach der OP habe ich aber erstmal ca. ein Jahr eine Pause eingelegt. Ich hatte den Kopf einfach nicht frei dafür. Nun sind die Bilder wieder da und ich habe erneut Freude am Schreiben und jede Menge Ideen in meinem Kopf.
Meine ersten Bücher „Birgit I“ und „Birgit II“, die die Geschichte eines Findelkindes erzählen, habe ich selbst verlegt. Das war zwar mit hohen Kosten verbunden, aber es hat sich gelohnt. „Birgit II“ wurde bereits übersetzt und ist auch im Ausland verfügbar. Darauf bin ich besonders stolz und ein neues Buch ist auch schon in Arbeit. Nebenbei schreibe ich zusätzlich sehr gerne Kurzgeschichten für Kinder. Die kann man so schön vorlesen.

A.Sadriu: Hast Du viel Kontakt zu anderen Betroffenen und ist Dir der Kontakt wichtig?
A.Neufang: Schon kurz nach meiner OP habe ich andere Betroffene kennengelernt. Wir unterstützen uns gegenseitig und versuchen unser Schicksal im besten Fall so oft wie möglich mit Humor zu nehmen. Natürlich ist es im Kontakt zu anderen Betroffenen auch schön auf der gleichen Verständigungsebene zu sein. Viele Außenstehende versuchen uns zu unterstützen und zu verstehen, aber wirklich nachvollziehen kann es eigentlich nur der, der selbst erkrankt ist und die besondere Lebenssituation aus eigener Erfahrung kennt. Deshalb geben wir uns untereinander Tipps zu Ärzten, Kliniken, Reha oder Hilfsmitteln. Und die kommen aus erster Hand.

A.Sadriu: Lass uns doch kurz auf das Thema Hilfsmittel zu sprechen kommen. Was verwendest Du?
A.Neufang: Wie gesagt habe ich von Anfang an eine Stimmprothese, mit der ich derzeit aber leider nicht sprechen kann. Außerdem verwende ich eine LARYNGOTEC® Trachealkanüle von Fahl in Kombination mit der Laryvox® HME Filterkassette. Mit diesen Produkten komme ich sehr gut klar und wenn nicht, weiß ich ja, dass die Fa. Fahl mich gut berät und in Abstimmung mit dem Arzt eine passende Alternative liefern kann.

A.Sadriu: Anne, was wünschst Du Dir für das Jahr 2017?
A.Neufang: Ich bin nun seit 5 Jahren und 3 Monaten krebsfrei und ich wünsche mir vorrangig, dass das so bleibt. Ich freue mich auf neue Geschichten, die ich zu Papier bringen kann, um damit anderen eine Lesefreude zu machen. Wenn das so bleibt und weitergeht, kann man sagen: Das Glück ist auf meiner Seite.

Annegret Neufang und Avdyl Sadriu im Gespräch