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"Versteckt habe ich mich nie"

 Interview mit Holger Lindbüchl

Nach einer freundlichen Begrüßung der vierbeinigen Mitbewohner, konnten wir mit Holger Lindbüchl (53) und seiner Frau Susanne Böttcher ausführlich und offen über die Zeit vor und nach seiner OP sprechen. Nicht nur seine Frau hat ihn in der schweren Zeit unterstützt, wo sie nur konnte, sondern auch die Hunde gaben Holger Lindbüchl viel Halt.

Fa. Fahl: Können Sie uns beschreiben wie Sie die Zeit zwischen der Diagnoseerstellung bis hin zur OP erlebt haben?
H. Lindbüchl: Im Frühjahr 2013 hatte ich andauernde Halsschmerzen und musste mich ständig räuspern. Nachdem es nicht besser wurde, suchte ich meinen HNO Arzt auf. Seine Diagnose stand schnell fest. Mir wurde aufgrund einer angeblichen Entzündung im Hals ein Antibiotikum verschrieben, das aber selbst nach 10-tägiger Einnahme keine Wirkung zeigte. Die zweite Diagnose eines anderen Arztes lautete: Zungenpilz. Aber auch hier war nach kurzer Zeit der Behandlung keine Besserung zu erkennen. Meine letzte Anlaufstelle war direkt die HNO Klinik. Hier fand man nach einigen Tests und für mich unglaublich langen Wartezeiten die Ursache heraus. Den Satz „Da ist was, was da nicht hingehört“ vergesse ich nie.

Fa. Fahl: Frau Böttcher wie war die Zeit für Sie als Angehörige?
S. Böttcher: Als nach 14 Tagen Wartezeit endlich der Befund kam, war das für mich sehr schlimm. Ich habe dann versucht mir alle Informationen selbst zusammenzusuchen. Durch ein Internetforum konnte mir viel Angst genommen werden und gab mir mehr Klarheit. Hier berichteten Angehörige sowie Patienten gleichermaßen. Ich konnte etwas besser nachvollziehen, was mich und meinen Mann erwarten würde.

Fa. Fahl: Herr Lindbüchl, wie war die Zeit für Sie?
H. Lindbüchl: Ich habe erfahren, dass mein Kehlkopfdeckel operativ entfernt werden musste. Nach der OP lag ich 14 Tage auf der Intensivstation. Nicht sprechen zu können, war für mich furchtbar. Die einzige Möglichkeit mich zu verständigen war alles aufzuschreiben, aber dazu fehlte mir sehr oft die Geduld. Meine Frau musste sicherlich einige Launen mitmachen und doch war Sie jeden Tag an meiner Seite.

Ich weiß nicht was ich in der Zeit ohne Sie gemacht hätte. Als ich dann die Bestrahlung und die Chemo erhielt, wurde es noch schlimmer. 37 Bestrahlungen waren die Hölle für mich. Ich konnte nichts mehr schmecken und habe im Grunde nichts mehr gemerkt. Zu der Zeit dachte ich oft: Ich will nicht mehr, so kann man doch nicht leben. Die Krankheit verändert einen schon – allerdings auch zum Positiven. Ich versuche
seither im Hier und Jetzt zu leben. Meine Prioritäten haben sich sehr verschoben. Materielle Dinge haben weniger Wert für mich.

Fa. Fahl: Was hat Ihnen geholfen sich immer wieder aufs Neue zu motivieren?
H. Lindbüchl: Neben meiner Frau haben mir meine Hunde sehr geholfen. Man glaubt gar nicht, wie sehr Hunde auf einen eingehen. Sie merken, dass es einem schlecht geht und möchten einen beschützen. Aber auch das Thema Fremdverantwortung unseren Hunden gegenüber half mir, mich wieder aufzuraffen und nach vorne zu schauen. Da ist jemand, der einen braucht und für den man Verantwortung hat. Aufgeben ist da keine Option. Zur Krankheitsbewältigung hat jeder sein eigenes Muster und letztendlich muss es jeder für sich selbst herausfinden. Mir haben die Hunde sehr viel Kraft gegeben.

Fa. Fahl: Sie haben den Verein „Lucky Dog Hostel“ im Jahr 2011 gegründet. Wie kam es dazu und was ist Ihnen dabei wichtig?
H. Lindbüchl: Ich und meine Frau waren schon immer Tier- und vor allem Hundeliebhaber. Als 2011 zwei unserer damaligen Hunde gestorben sind, haben wir uns als Ziel gesetzt, den Hunden etwas zurückgeben zu wollen. Erst haben wir nur als Pflegestelle anderen Vereinen geholfen und Hunde, die z. B. nicht vermittelbar waren, aufgenommen. Kurz darauf haben ich und meine Frau dann einen eigenen Verein gegründet und „Lucky Dog Hostel“ ins Leben gerufen.

Fa. Fahl: Sicherlich sind Sie beispielsweise durch Aktionen des Vereins wie Tombolas oder Demonstrationen für Tierschutz viel in der Öffentlichkeit unterwegs. Wie war es nach Ihrer OP? Sind die Menschen anders auf Sie zugekommen?
H. Lindbüchl: Die Menschen vielleicht, aber ich nicht. Ich war schon immer ein sehr offener Mensch. Ich spreche Dinge eher direkt an. Mein Bekanntenkreis war anfangs schon schockiert und wusste erst nicht richtig damit umzugehen. Ich habe dann jeden auf mögliche Fragen angesprochen und alles genau erklärt. Danach war das Thema Nebensache. Versteckt habe ich mich eigentlich nie. Soweit man in meiner Situation von "einfach" sprechen kann, ist es einfacher, offen damit umzugehen. Selbst auf meinem Klassentreffen war nach anfänglichen „komischen“ Blicken alles o. k., auch wenn man sich 30 Jahre nicht gesehen hatte.

Fa. Fahl: Nach den schwierigen Zeiten ist es schön von Ihnen zu hören, dass Sie so wie es ist glücklich sind. Was können Sie anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?
H. Lindbüchl: Ganz wichtig ist: nicht aufgeben. Auch wenn man das von allen Seiten hört, das Schlimmste ist sich einzuigeln. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass dies der falsche Weg ist. Ich habe immer die Einstellung: „Jetzt erst recht – Dem Krebs zeig' ich es“. Das gelingt natürlich nicht jeden Tag, aber es ist die richtige Richtung. Auch geholfen hat mir der Austausch mit anderen Betroffenen. Ich nehme regelmäßig an Treffen der Selbsthilfegruppe teil. Man sollte es zumindest einmal für sich ausprobieren. In jeder Selbsthilfegruppe gibt es sicherlich
Personen, die einem helfen können, den richtigen, positiven Weg zu gehen und sich selber nicht aufzugeben.

Mehr über die Arbeit von Holger Lindbüchl und Susanne Böttcher mit den Tieren finden Sie hier: www.luckydoghostel.de